
Bremer Atelierstipendium 2025
Spuren
Clara Kramer
Spuren alltäglicher Erlebnisse eines Jahres, Erinnerungen an die Schulzeit, verstorbene Freundinnen oder Familienmitglieder oder Spuren des Älterwerdens auf der Haut. In ihrer Ausstellung Spuren vereint Yoriko Seto Arbeiten des vergangenen Jahres, in denen sie zeichnerisch alltägliche Erlebnisse mit Erinnerungen verwebt und so über ihre Familie, ihr Aufwachsen in Japan und ihr Älterwerden in Deutschland reflektiert. Diese Spuren fügen sich zu einem Mosaik aus Erlebnissen, Erinnerungen und Reflexionen über das Leben und dessen Ende zusammen.
Grundlage für Setos künstlerische Praxis ist das Zeichnen. Seit 2017 führt sie regelmäßig Zeichentagebücher, um ihr persönliches Erleben festzuhalten. Indem sie scheinbar Banales, wie beiläufige Szenen, Gedanken und Beobachtungen in ihren Zeichnungen festhält, setzt Seto dem Vergessen eine stille Form des Widerstands entgegen. In Spuren präsentiert sie die Zeichentagebücher des vergangenen Jahres. Als Originale hängen sie an dünnen Fäden im Raum und können durchgeblättert werden. Zusätzlich können die Zeichnungen als Reproduktionen in einem Künstlerinnenbuch zusammengefasst während des Künstlerinnengesprächs am 1. Februar 2026 erworben werden. Seto nutzt diese Praxis des Zusammenfügens, Sortierens und Reproduzierens als Form der Reflexion des vergangenen Jahres. Die Zeichnungen in den Zeichenbüchern sind für Seto auch eine Art Maßeinheit für (die vergehende) Zeit. Das Veröffentlichen bietet der Künstlerin so wiederum die Möglichkeit, ihre Zeit mit anderen zu teilen.
Seto zeichnet nicht nur ihre gegenwärtigen Gedanken und Erlebnisse, sondern nutzt das Zeichnen auch als Form der Erinnerung: aus zunächst abstrakten Linien erwachsen Erinnerungsfragmente an ihre im vergangenen Jahr verstorbene Freundin und Tante. Seto verwebt diese Erinnerungsbruchstücke in mehrmonatigen Schaffensprozessen zu meterlangen Kohlezeichnungen. Die Spuren der Erinnerung interessieren Seto dabei genauso wie die Spuren der Kohle auf dem Malgrund.
Die Zeichnung Du brauchst nicht zu antworten. (2025) zeigt große, wie Äste erscheinende Gebilde, die das als Malgrund dienende Stoffstück mehrfach kreuzen und über dessen Ränder bis auf die Wand reichen. Spielerisch gezeichnete Füße, Nieren und Kontaktlinsen lassen sich in den verästelten Strukturen ausmachen. Zwischen den astartigen Gebilden finden sich weitere kleine Zeichnungen alltäglicher Momente über verschwommenen, nicht mehr lesbaren japanischen Textzeilen. Diese Textzeilen sind Auszüge aus der schriftlichen Kommunikation zwischen der Künstlerin und ihrer kürzlich verstorbenen Tante.
Seto verwebt diese Erinnerungsfragmente zu einer Hommage an ihre Tante. Ähnlich wie Erinnerungen bleiben die Elemente teils schemenhaft, teils abstrakt, sie überlagern sich und verweigern sich klarer Begrenzungen.
Die über sieben Meter lange Zeichnung nacheinander (2025) zeigt ebenfalls verschiedene teils abstrakte, teils konkrete Symbole: astartige Strukturen, Wege, geöffnete Türen oder Fenster, geometrische Formen und Flächen, abstrakte Formen und Linien, die an Haare erinnern, ein großer Becher oder mehrere Zeichnungen von Füßen und Beinen, wie sie auch schon in der Arbeit Du brauchst nicht zu antworten. (2025) zu sehen sind. Seto verwebt hier ihre Erinnerungen an die Krankenhausbesuche ihrer Freundin, bevor diese verstarb, mit den Erinnerungen an ihre Tante. Welche Bilder tauchen als Erinnerungen auf, wenn eine Person verstorben ist? Das Zeichnen wird hier zum Prozess des Erinnerns. Unterhalb der Zeichnung Du brauchst nicht zu antworten. (2025) und auf dem unteren Rand der Zeichnung nacheinander (2025) sammelt sich ein schmaler Rand von Kohleabrieb als Spuren des Schaffensprozesses. So wie beim Erinnerungsprozess nicht mehr jeder Eindruck klar zurückkehrt, rieselt die Kohle unkontrolliert auf oder neben den Malgrund. Sie hinterlässt vage Spuren, die sich nicht mehr ganz zurückverfolgen lassen.
Ebenfalls aus der Verknüpfung von Erinnerungsspuren und Alltagsbeobachtungen entstand die Installation uni (2025), eine übergroße aus Papier gefertigte japanische Schuluniform (Seifuku), auf dessen Rückseite ein Animationsfilm projiziert wird. Seto beschäftigt sich in dieser großformatigen Arbeit mit Erinnerungen an ihre Schuluniform, die sie als junges Mädchen in Japan trug und ihren Überlegungen an das Älterwerden. Die Seifuku sind in Japan an das Design der Militär- und Marineuniform der Meiji-Ära angelehnt und lassen so sofort erkennen, zu welcher Schule die Schüler:innen gehören. Gleichzeitig schaffen sie innerhalb der Gruppe eine Gleichförmigkeit, sodass soziale Unterschiede oder Individualitäten verborgen bleiben. Seto verbindet diese Ansprüche an Einheitlichkeit mit gesellschaftlichen Schönheitsansprüchen, wie makelloser Haut, ohne Falten oder Altersflecken, die ihr im Prozess des Älterwerdens begegnen. Für die Herstellung der Papier-Seifuku übertrug Seto Pigmentflecken ihrer Haut und der ihrer Freundinnen zeichnerisch auf großformatiges Papier. Die eigentlich nur einige Millimeter großen Hautflecken vergrößerte Seto in den Zeichnungen auf fast einen Meter. Anschließend zerknüllte sie diese Zeichnungen und versuchte durch das Aneinanderreiben des Papiers die Flecken, ähnlich wie sie und ihre Freundinnen den Flecken ihrer Haut mit Bleichcremes und Lasern begegnen, wegzuwischen. Die von Seto angefertigte Seifuku widersetzt sich durch ihre Falten und Flecken dem Anspruch von Uniformität. Seto verleiht der Uniform als Sinnbild von Einheitlichkeit einen individuellen Charakter.
Diese Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Schönheitsansprüchen und Fragen nach gesellschaftlicher Anpassung und Zugehörigkeit übertrug Seto in einen Animationsfilm. In einer Gruppe identisch gezeichneter Figuren, erhält eine einzelne durch herabrieselnde Flocken ein Muster aus dunklen Flecken. Sie wird herausgenommen, ihre Flecken werden entfernt und sie wird wieder eingegliedert. Doch durch die erneut herabrieselnden Flocken erhält sie von Neuem ein Munster. Ein endloser Kreislauf von Anpassung und dem Aufblühen des Besonderen.
48. Bremer Förderpreis für Bildende Kunst
Stätische Galerie Bremen
Ingmar Lähnemann
Yoriko Seto beschäftigt sich in Zeichnungen, die in ihrem Künstlerbuch 49 days zusammengefasst sind und zusätzlich als Drucke auf der Wand gezeigt werden, in dem kurzen Animationsfilm Spheres und in einer alles verbindenden Wand-zeichnung mit Erinnerungen. Mit eigenen Erinnerungen und mit Erinnerungen als zentrale menschliche Erfahrung. Im Schwarzweiß von Bleistift und Kohle auf Papier und Wand schafft Yoriko Seto überwiegend figürliche Bilder, die Alltags-szenen und -objekte zeigen. Insbesondere an den Gegenständen wird schnell er-sichtlich, wie sie mit Erinnerungen und entsprechenden Emotionen verbunden werden (können). Manche Motive wiederholen sich, tauchen in den Blättern, im Film und auf der Wand mehrfach auf. So zum Beispiel die Hände, die einfachste Handlungen ausführen und gerade in der Wandzeichnung auch wie die Hände der Künstlerin wirken, die hier die zeichnerische Arbeit ausgeführt haben.
Überhaupt ist es naheliegend, die Erinnerungen als eine persönliche Beschäftigung von Yoriko Seto mit ihrer eigenen Vergangenheit bzw. der ihrer Familie zu lesen. Deutlich sind Verweise auf die japanische Kultur und auf eine künstlerische Tätigkeit. Bestimmte Gegenstände vermitteln außerdem, dass sie sich in der Wandzeichnung zu den bisherigen Erinnerungen nun explizit auf Gedanken an ihre verstorbene Großmutter bezieht.
Gerade im Film werden die offensichtlich persönlichen Erinnerungen aber zu Chiffren allgemeingültiger Bilder für typische Erinnerungsmomente. Die gezeichneten Blätter, die einmal in einer eindeutigen Reihenfolge im Künstlerbuch gefasst und dann auf der Wand in ganz anderer Ordnung verteilt werden, sprechen außerdem dafür, dass Erinnerungen sich andauernd verändern, dass selbst geteilte Erinnerungen nicht übereinstimmen, dass Menschen und Dinge durch Erinnerungen zwar bleiben und bewahrt werden, sich aber umso deutlicher nicht mehr fassen lassen. Damit dienen die verschiedenen visuellen Trigger als Erinne-rungsauslöser für das Publikum, das installativ in das künstlerische Setting integriert wird. Das Künstlerbuch müssen wir zur Betrachtung einer weißen Halbkugel entnehmen, in einer weiteren Hälfte einer Kugel können wir den Film nur durch drei Gucklöcher betrachten. Die insektennestmäßigen, augapfelartigen Gehäuse bilden eigene Bildräume im Gesamtkunstwerk und führen bei der Betrachtung des Animationsfilms dazu, dass wir die immer eingeschränkte Perspektive fast automatisch als eine rezeptive Übertragung des fragmentarischen Charakters von Erinnerungen erfahren.
Wichtig für die Stimmung der zeichnerischen Setzungen ist auch die Klangebene des Animationsfilms. Relativ monton und langsam angeschlagene Gitarrensaiten erzeugen eine meditative, ruhige, vielleicht auch etwas melancholische Grundierung der Bilder. Die Musik strahlt aus der Halbkuppel des Films auf die gesamte Wandzeichnung und auch weit darüber hinaus in den Ausstellungsraum, während man die weiteren Klänge - Vogelgezwitscher, Mundgeräusche, Kratzen, etc. - erst wirklich wahrnimmt, wenn man dicht vor dem weißen Gehäuse des Films steht. Es entsteht eine Sogwirkung, ein Aus- und Einsteigen in die Bildwel-ten, die sich ähnlich in den mehrfach verwischten und neu gesetzten Konturen der Wandzeichnung und der Verteilung der Drucke auf der Wand finden. Verbin-dungen, die sich über Linien und Bildinhalte ergeben, lösen sich im gleichen Moment und vermitteln auch hier, wie emotional wichtig und gleichzeitig latent unbefriedigend Erinnerungen sind.
zip Meisterschüler:innen der HfK 2024
Auf mentaler Zeitreise
Lea Woltermann
Nach dem Tod ihrer Großmutter zeichnete Voriko Seto mit einem Kohlestift Bilder von Erinnerungen. Jeden Tag eine Seite, 49 Tage lang. So lange, wie im Rahmen einer japanischen Feuerbestattung die Knochenreste einer verstorbenen Person bei der Familie verbleiben, bevor sie beigesetzt werden. Diese Zeichnungen wurden in einem Künstlerbuch mit dem Titel »49 days« zusammengefasst. Dafür scannte Seto sie ein, komprimierte sie zu Bitmaps, druckte sie aus und kopierte sie schließlich wieder und wieder. Mit jeder Kopie wird das Motiv schwerer zu erkennen, legen sich mehr und mehr Pixel-schichten darüber.
Die Bilder treten dadurch wie aus einem Nebel des Gedächtnisses hervor, mal mehr, mal weniger deutlich. Dabei bleiben sie in ihrer Bedeutung vage, selbst wenn das Motiv deutlich zu erkennen ist. Es sind Alltagsgegenstände wie ein Telefon oder ein Paar Schuhe, deren immaterielle Bedeutung für Außenstehende verschlossen bleibt. Und doch wecken sie Assoziationen, knüpfen an eigene Erinnerungs-ketten an. Motive wie die Schuhe finden sich auch in Setos Zeichentrick-Animationen wieder. Diese zeigen kurze Szenen, voneinander getrennt durch ein dunkles Rauschen. Die Linien sind verwischt und verwackelt, die Bilder bleiben nur kurz. Nur durch ein Guckloch in einer der drei großen Pappmachee-Kugeln zu sehen, offenbaren sie sich den Ausstellungsbesucherinnen nicht auf den ersten Blick.
Allen Arbeiten gemeinsam ist das Haptische, Handgemachte, Analoge. Seto markiert in ihnen die Flüchtigkeit der Erinnerung. So wie sie sie in dem Moment der (Auf-)Zeichnung erinnert, werden die Bilder kein zweites Mal sein. Und dem, was sie tatsächlich erlebt hat, entsprechen sie vermutlich nicht. Dabei beschäftigt sich Seto nicht nur mit ihrer eigenen Erinnerung, sondern fragt viel genereller nach dem Erinnern, nach den Verknüpfungen zwischen Vergangenheit und Zukunft. Ihre Kunst nimmt Betrachterinnen mit auf einen »mental time travel«, was in der Psychologie die Fähigkeit beschreibt, sowohl die Vergangenheit rekonstruieren, als auch die Zukunft imaginieren zu können.
© 2026 Yoriko Seto